15. Internationaler Leobener Logistik Sommer

Zukunftsweisende Entwicklungen, Trends und Lösungen für Produktion und Logistik.

Der Internationale Leobener Logistik Sommer hat sich zu einer der wichtigsten Branchenver-anstaltungen zu einem Thinktank entwickelt, der in einzigartiger Weise Wirtschaft und Forschung miteinander verbindet. Bei der Fachtagung am 14. und 15. September 2017 gestalteten Experten von Pankl Racing Systems, EEP Maschinenbau, KNAPP, ivii und Siemens sowie von der Montanuniversität Leoben, der Technischen und der Medizinischen Universität Graz, Fraunhofer IML und Campus02 das anspruchsvolle Programm. Unter dem Motto „Smart, vernetzt, digitalisiert – die Zukunft der Arbeitswelt“ präsentierten sie relevante Trends, innovative Konzepte und Lösungen für Produktion und Logistik sowie deren Auswirkungen und Veränderungen auf die Arbeitswelt.

Der Leobener Logistik Sommer stellt seit jeher Trends, neue Technologien und Innovationen in den Fokus, ist aber vor allem ein Treffpunkt zum Netzwerken und Erfahrungsaustausch für die Menschen in der Logistik. Der Themenbogen war auch bei der 15. Auflage der Fachtagung breit gespannt und reichte von Data Science, Cyper-Bedrohungen, Vorzeigelösungen für Produktion und Logistik, über mögliche Auswirkungen von Assistenzsystemen auf die Gesundheit oder die bedingte Entwicklung des Managements im Zeitalter der Digitalisierung bis hin zum Physical Internet und Smarten Services.

Why Data Science and not Big Data?
Forscher Michael Habacher, Montanuniversität Leoben, startete mit dem Vortragsreigen: „Durch ihren interdisziplinären Charakter eröffnet sich den Datenwissenschaften ein breites Feld. Wir verbinden moderne Strömungen wie Big Data, (Industrial) Internet of Things [(I)IoT], Industrie 4.0 und Cyber-Physische Systeme mit klassischen, wissenschaftlichen Methoden und schaffen damit neue Möglichkeiten, um aus Daten über Informationen und Kenntnisse schlussendlich Wissen zu schöpfen, um weise Entscheidungen treffen zu können.“ Big Data dagegen beschreibt den Umgang mit großen Mengen von schnelllebigen und vielfältigen Daten, denen man in der Industrie nicht zwangsläufig begegnet. Darüber hinaus ändert sich die Definition von „großen Mengen“ aufgrund der stetig wachsenden Speicherdichte ständig, womit Daten leistbarer und leichter handhabbar werden.

Smart Factory
Pankl Racing Systems ist führender Hersteller im Hochtechnologiebereich und entwickelt, erzeugt und vertreibt Motor- und Antriebssysteme sowie Fahrwerksteile für den Rennsport, für High-Performance-Autos und die Luftfahrtindustrie. Das neue High Performance Werk in Kapfenberg wird in Kürze mit der Produktion von 13 verschiedenen Getriebetypen starten. Christoph Prattes, COO Pankl Racing Systems: „Gemeinsam mit der KNAPP-Gruppe und deren zero defect-Ansatz haben wir eine gezielte Produktionsautomatisierung und eine smarte Vernetzung der gesamten Wertschöpfungskette von der Lagerung, über intelligente Montageprozesse mit ivii.smartdesk bis hin zum Versand umgesetzt.“ Just in time werden nach dem „Ware zur Person-Prinzip“ die richtigen Komponenten, in der richtigen Zeit an den richtigen Arbeitsplatz gebracht. Der gesamte Montageprozess ist maximal softwaregestützt. Intelligente Bildverarbeitungstechnologie prüft den gesamten Prozess des Zusammenbaus in Echtzeit und gewährleistet ein engmaschiges Netz für höchste Qualität, Leistung und hundertprozentiger Rückverfolgbarkeit.

Hochleistungsautorennen versus Intralogistik
Was hat ein Autorennen mit intelligenter Mensch-Maschine-Kommunikation in der Intralogistik zu tun? Die Antworten darauf gaben Kajetan Bergles, Service Development Manager bei KNAPP, und ivii-Geschäftsführer Peter Stelzer. „Ein Auto ist nur so gut, wie der Fahrer, der es steuert und navigiert. Der Mensch steht im Mittelpunkt – und das gilt auch für die Intralogistik“, so Bergles. „Uns geht es darum, den Menschen bestmöglich in seiner Arbeit zu unterstützen“, ergänzte Stelzer. Genauso wie sich die Rahmenbedingungen während eines Rennens verändern können, ändern sich Geschäftsmodelle in der Intralogistik. Daher sei Flexibilität gefragt, die KNAPP durch Lösungen wie die Open Shuttle-Systeme ermögliche, die mit Schwarmintelligenz arbeiten und bedarfsorientiert eingesetzt werden können.

Boxenstopp – oder aus Sicht der Intralogistik – das Service: Präventive Wartung, Realtime-Feedback, Daten sammeln, analysieren und Wissen generieren, sind Anforderungen um die richtigen Maßnahmen ableiten zu können und um die Verfügbarkeit der Anlage hochzuhalten. Es geht auch um Assistenzsysteme wie Assist 4.0, die dem Servicemitarbeiter die richtigen Informationen auf mobilen Endgeräten oder Datenbrillen zur Verfügung stellen.

Nach dem Boxenstopp heißt es wieder Fahrt aufnehmen. Performance und Qualität sind hier die Themen der Intralogistik. Das wiederum zeigt sich im ivii.smartdesk. Der Mensch wird durch Bildverarbeitungssoftware am Arbeitsplatz unterstützt, und wie bei Pankl einfach, intuitiv ja beinahe spielerisch durch den Montageprozess geführt und hat die Sicherheit fehlerfrei zu arbeiten. In der Zielgerade sind die Systeme perfekt aufeinander eingestimmt. Denn ob Autorennen oder Intralogistik – Ziel ist es Weltmeister zu werden!

High-Tech-Robotik in der Logistik
Die EEP Maschinenbau ist der Experte in den Bereichen Robotik, Automatisierung und Maschinenbau. „Robotertechnologie kommt in der Logistik in der Palettierung und Kommissionierung immer häufiger zum Einsatz“, erklärte Geschäftsführer Walter Petz von EEP Maschinenbau. Und ein Roboter sei nur so gut wie seine Greiftechnik. So sind bei Alpha Tonträger Saug-, Klemm- und Palettengreifer integriert, die Kartons in unterschiedlichen Größen bis zu einer Höhe von 2,20 Meter auf Europaletten schlichten. Bei einer Sackpalettieranlage in Bosnien-Herzegowina werden mit Hilfe eines Roboters mit Gabelgreiftechnik 1.800 Salzsäcke pro Stunde mit einem Gewicht von 5 und 10 Kilogramm längs und quer vorkommissioniert. Die Kanisterpalettieranlage bei Wolf Plastics in Kammern wurde gemeinsam mit der KNAPP AG umgesetzt. Zwei Robotersysteme bedienen drei Maschinen und kommissionieren 1.460 Kanister pro Stunde. 14 verschiedene Kanistergrößen werden auf eine Höhe von 2,10 Meter palettiert und mit einem Gummiband gesichert, um die Kanister-Reihen zu fixieren. Für die Kanistersicherung und für das Greifen der unterschiedlichen Kanistergrößen entwickelte EEP spezielle Greiftechniken.

Menschengerechte Arbeit
„Die Arbeit muss sich dem Menschen anpassen – nicht umgekehrt“, brachte es Arbeitsmediziner Georg Wultsch auf den Punkt. „Arbeitsanforderungen und -umgebung ändern sich durch Industrie 4.0. Es stellt sich die Frage, wie wir damit umgehen auch im Hinblick auf den demographischen Wandel und älter werdenden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern.“ Es gäbe zu wenige gute Arbeitsplätze für über 50-jährige oder für Menschen mit Beeinträchtigung. Es liege in der gesellschaftlichen Verantwortung, am Arbeit- und Gesundheitsschutz, die organisatorische Gebundenheit an Arbeitsort und -zeit zu flexibilisieren. Robotik und Automatisierung können einen positiven Beitrag leisten und ermüdende und monotone Arbeiten übernehmen und den Menschen entlasten. Auch zeige das Conclusio einer Studie zum Einsatz von Assistenzsystemen in der Logistik, dass der Nutzen deutlich überwiegt. Assistenzsysteme können den Menschen bei der Bedienung komplexer Anlagen gut unterstützen. Und derzeit entstehen auch menschengerechtere und ergonomischere Arbeitswelten und leisten damit einen wesentlichen Beitrag zu Gesundheitserhaltung und -förderung.

380.000 Mal neue Schadsoftware pro Tag
Lukas Gerhold von Siemens widmete sich dem Thema Cyber-Sicherheit in industriellen Netzwerken. „Die Digitalisierung mit zunehmender Vernetzung, Transparenz und immer mehr Informationen bieten ein breites Feld für Cyber-Angriffe“, stellte Gerhold fest. Unter den zehn häufigsten Bedrohungen rangieren Malware, Ransamware (Erpressungssoftware) und Social Engineering (Identitätsdiebstahl) auf den ersten drei Plätzen. Wehren könne man sich durch die Einführung eines Risikosystems, wie die IEC 62443 Norm, die hinsichtlich industrieller Sicherheit Verantwortlichkeiten und Kontrollen regelt und Security Levels festlegt. Mit Konzepten wie Zones and Conduits, die Gesamtnetzwerke in intelligente Netzwerkzonen trennt oder die Definition von Zonen, wobei mittels „Defense in Depth“ Schicht für Schicht Schutz aufgebaut wird – bis hin zur Überwachung von Gebäuden, Fabriken und Anlagen.

Siemens ist weltweit das erste Unternehmen, das für Netzautomatisierungslösungen ein Zertifikat von TÜV Süd, München, nach der internationalen Normenreihe IEC 62443 erhalten hat. Die Norm geht weiter als andere Standards und definiert Anforderungen für alle Akteure: Produktanbieter, Systemintegratoren und Betreiber.

Management 4.0 oder der Zauberlehrling-Effekt
Mit der Keynote von Michael Henke vom Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik startete der zweite Kongresstag. „Der Erfolg von Industrie 4.0 und dem Internet der Dinge wird nicht nur von neuen Technologien, sondern auch vom Management abhängen“, ist Henke überzeugt. Die digitale Transformation müsse vom Management aus gestartet werden und bedinge die sinnvolle Migration von IT-Systemen in die Wertschöpfungskette. Für die Logistik bleibt der Mensch auch in den nächsten Jahren wichtig. Mitarbeiter werden aber nicht auf Knopfdruck 4.0-tauglich. Lösungsbeispiele wären ein erfolgreiches Changemanagement, das Mitarbeiter mit den veränderten Strukturen und Prozessen vertraut macht, die Interaktion von Mensch und Maschine und der Wandel der Organisation.

Das Management muss Strukturen schaffen und die Unternehmenskultur anpassen, die dem grenzenlosen Datenfluss und einer Kollaboration nicht im Wege stehen, Silo- und Wagenburgendenken hin zu Prozessdenken entwickeln und Hierarchien auflösen. Denn, wer die Magie der Hochtechnologie der Industrie 4.0 nutzen und beherrschen möchte, sollte auch die nötigen Managementkräfte mitbringen, sonst ergehe es einem wie dem Zauberlehrling.

Schlüsselergebnisse der 4. IPIC
Wissenschaftler aus 21 Nationen trafen sich zum Austausch bei der 4. Physical Internet Conference - IPIC im Juli 2017 in Graz. Christian Landschützer vom Institut der Technischen Logistik von der TU-Graz Logistik informierte beim Leobener Logistik Sommer über Hintergründe und aktuelle Forschungsarbeiten. Lagern, sortieren, verteilen – Technologie bewegt Güter. „Die Technologien in der Intralogistik sind heute hoch automatisiert, hoch kapazitiv, hoch performant und zunehmend flexibel. Sie treffen die Anforderungen einer Industrie 4.0 und von Megatrends wie Individualisierung, demografischer Wandel und Urbanisierung, die zu immer kürzeren Produktlebenszyklen führen“, so Landschützer.

Aber immer noch sind 25 % aller gefahrener Kilometer Leertransporte: Der Volumen-nutzungsgrad bei Transporten liegt bei 56,8 %. Die Folge: Hohe Verkehrsbelastung und zunehmende CO2-Emissionen. Das Physical Internet steht für eine universelle Vernetzung. Waren und Güterströme anders denken, Lasten zusammenstellen, wo sie gebraucht werden, über Behältersensoren Konsolidierung über verschiedenen Bereiche herstellen, sind Ziele des Physical Internet. Österreich nähert sich an eine PI-Realisierung und arbeitet an der Definition eines offenen Logistiksystems für einen Automobilzulieferer, um den Warenverkehr von Linz nach Graz zu konsolidieren.  

Servitization – Berufsbilder der Zukunft
Ob in der Industrie oder in der Pflege (hier wird auch über den Einsatz von Robotertechnologie diskutiert) – in allen Branchen und Bereichen nimmt die Nachfrage nach Dienstleistungen zu. Helmut Aschbacher vom Campus 02: „Der Beginn der Dienstleistungsgesellschaft lässt sich auf das Jahr 1970 zurückführen.“ Trends führen zu innovativen Service-Geschäftsmodellen mit neuen Begrifflichkeiten und Wahrnehmungen und erfordern andere Herangehensweisen: So werden aus Produkten Lösungen, aus Supplier Netzwerkpartner, aus Transactions Relationships.

Die Meisterklasse in der Dienstleistung sind die Smart Services: IT-gestützte, proaktive und individualisierte Dienstleistungen. Dementsprechend verändert sich auch das Berufsbild des Service Engineers. Er müsse Technologien kennen, anwenden können und die richtigen Werkzeuge haben. Mit dem Sommersemester 2018 wird der Campus02 dazu einen Masterstudiengang starten.

Ausstellung, Networking, Dinner und Kabarett
Mehr als 20 Aussteller und Partner präsentierten im Rahmen der Tagung innovative Produkte und Lösungen. Neben Erfahrungsaustausch und kamen auch Kultur und Kulinarik nicht zu kurz. Bei der Abendveranstaltung im Falkensteiner Hotel & Asia Spa sorgte Kabarettist Martin Kosch für gute Stimmung und herzhafte Lacher.

Save the Date: 16. Leobener Logistik Sommer: 13.-14. September 2018



Veranstalter: Logistik Club
Sponsoren: Knapp

Logistik Center

Nedcon